| Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde der
übrig gebliebene Teil Deutschlands in die vier von den alliierten
Siegermächten verwalteten Zonen aufgeteilt. Nicht einmal das im
Potsdamer Abkommen vereinbarte Minimalziel, Deutschland als eine
wirtschaftliche Einheit zu erhalten, konnte erzielt werden. Der
stellvertretende Militärgouverneur der Amerikaner, Lucius D. Clay
stellte resignierend fest: "Nach einem Jahr Besatzung bilden die
Zonen hermetisch abgeschlossene Gebiete mit fast keinerlei freiem
Austausch an Gütern, Personen und Ideen. Deutschland besteht heute
aus vier kleinen Wirtschaftseinheiten, die miteinander nur auf
Vertragsbasis verkehren können." Jeder der
vier ranghöchsten Militärs im Alliierten Kontrollrat handelte nur
auf Weisung der jeweiligen Regierung.
Die
in Abb.1
gezeigte in Gießen (amerikanische Zone) geschriebene Postkarte wurde
in Hannover (britische Zone) abgestempelt, um schließlich den
Empfänger in der britischen Zone in Duisburg zu erreichen. Auf
welchem Wege die Karte von Gießen nach Hannover gelangte, ist
unbekannt, sicher ist dies ein Beleg für "rübergebrachte Post", denn
der so genannte Interzonenverkehr zwischen den vier Besatzungszonen
wurde erst am 24. Oktober 45 eröffnet.
Neben anderen Zielen der Besetzung sollen uns hier
nur zwei Aspekte der Behandlung der deutschen Wirtschaft
interessieren, und wie sich deren Verwirklichung im Wirtschaftsleben
auswirkte. Die beiden etwas beschönigend klingenden Begriffe
Konzernentflechtung und Reparationen standen in der deutschen
Industrie als Synonyme für Konzernzerschlagung und Demontagen. Mit
dem alliierten Militärgesetz Nr. 52 wurde die Beschlagnahme der
wichtigsten deutschen Industriebetriebe verfügt. Diese Maßnahme traf
vor allem das Imperium der IG-Farbenindustrie, alle Zechenbetriebe
und Hüttenwerke einschließlich der Verbindungsglieder zwischen der
Roheisen- und Stahlproduktion und den nachgeschalteten
Walzstahlbetrieben. Das erklärte Ziel war die Zerstörung aller
industriellen Anlagen, die ausschließlich der Kriegführung gedient
hatten, ferner die Liquidierung aller Kartellbeziehungen und die
Zerstückelung der großen Konzerne, um unter anderem einen eventuell
wieder erstarkenden Konkurrenten auszuschalten. So wurde der
IG-Farbenkonzern im April 47 in 19 selbstständige Unternehmen
aufgeteilt. Letztlich darf nicht vergessen werden, dass die
seinerzeit modernsten Produktionsanlagen, sofern sie noch
funktionsfähig waren, begehrte Objekte für Reparationen darstellten.

Zur Anweisung und Kontrolle dieser rigorosen
Durchführung saßen in den Betriebsleitungen "Control Officers", wie
aus der Abb. 2,
dem Text einer Postkarte der Fa. Kalle ersichtlich ist, in der
übrigens die Annullierung einer Ersatzteillieferung für einen
Rotationskompressor mitgeteilt wird. Auch diese Firma ging nun als
eine der vielen eigenständigen Aktiengesellschaften aus dem
IG-Farbenkonzern hervor.

Zur Dokumentation der Konzernauflösung wurden die
verschiedensten Handstempel verwendet.
Abb. 3 zeigt
einen Kastenstempel des Werkes in Knapsack und einen Rundstempel aus
Leverkusen.
Die Konzernentflechtung muss offensichtlich einen
solchen Arbeitsaufwand
verursacht
haben, dass diese Behörde noch im Juni 1959 werktätig war (Abb.
4). Die Liquidation und Entflechtung im Kohlebergbau und bei den
Eisen- und Stahlunternehmen im Rhein-Ruhrgebiet erzeugten weitaus
gefährlicheren sozialen und politischen Sprengstoff als alle anderen
Maßnahmen der Alliierten. Das Damokles-Schwert "Demontage" schwebte
über jedem Betrieb, soweit die Verwüstungen der Kriegsgeschehnisse
noch etwas Wiederverwertbares übrig gelassen hatten. Wer die
Struktur dieser Region kennt, weiß um die weit verzweigte Vernetzung
unzähliger Groß- und Kleinbetriebe fast aller Branchen. Seit jeher
fand ein Austausch von Energien, Rohstoffen und Fertigprodukten im
ganzen Revier statt. Dies Wissen um das gemeinsame Schicksal einte
die gesamte Bevölkerung des Reviers in ihrer Trotz- und
Verweigerungshaltung. Wie mag es einem Hüttenwerker zu Mute gewesen
sein, selbst bei der Demontage der eigenen Arbeitsstätte
mitzuhelfen, nur um vom Lohn dieser Arbeit das Überleben
sicherstellen zu können? Auf den Widerspruch zwischen Wiederaufbau
und Demontagen hat wiederum Clay mit der Bemerkung hingewiesen, dass
man dem amerikanischen Steuerzahler wohl kaum klarmachen könne,
warum Amerika kostenlos Kohle und Getreide nach Deutschland schicke,
während man den Deutschen die Möglichkeit zur Selbstversorgung durch
die Demontagen nehme. Deshalb stellten die Amerikaner als erste alle
Demontagen ein.
Seit Juli 45 wurde das Vermögen von 67
Kohlengruben von der britischen North German Coal Control verwaltet.
Alle wichtigen Betriebe der Eisen- und Stahlbranche wurden der North
German Iron and Steel unterstellt. Nach der Gründung der Bizone
Anfang 47 fand eine Neuordnung der Eigentumsverhältnisse bei Kohle
und Stahl statt. Das Gesetz Nr. 75 der Militärregierung übertrug die
Vermögenswerte der beschlagnahmten und liquidierten Bergwerks- und
Hüttenbetriebe auf neu zu gründende Gesellschaften deutschen Rechts.
Die von der Militärregierung zur Leitung bestimmten Personen führten
die Bezeichnung "Treuhänder". Den Neugründungen wurde die Deutsche
Kohlenbergbauleitung vorgesetzt. Als äquivalente Neuorganisation der
Eisen- und Stahlindustrie wurde die Stahltreuhändervereinigung ins
Leben gerufen. Sie hatte für die Ausgliederung von Werken und
Werksgruppen aus dem Altbesitz zu sorgen und war vor allem
verantwortlich für die Wiederaufnahme der Produktion. Alle
Gesellschaften wurden nach einheitlicher Satzung als
Aktiengesellschaften gegründet. Für die Auswahl der Werke war
entscheidend, und damit für die Belegschaften beruhigend, dass für
diese Werke feststand, nicht demontiert zu werden.
Die
Abb. 5 zeigt,
dass die Buderus´schen Erzgruben und Hochofenbetriebe in Wetzlar
unter dieses Gesetz Nr. 75 fielen. Der Entfaltung wirtschaftlicher
Beziehungen zwischen Betrieben des produzierenden Gewerbes standen
restriktive Vorschriften der Alliierten entgegen. Während die
Amerikaner schon frühzeitig die Verantwortung für die
wirtschaftliche Entwicklung in deutsche Hände legten, handelten die
Engländer äußerst bürokratisch bei der Erteilung sowohl von
Produktions- als auch Bezugsgenehmigungen für Maschinen und Anlagen.
Anträge in 16-facher Ausfertigung sind bekannt. Welche
Papierverschwendung in einer Zeit höchster Knappheit! Das Zauberwort
und damit der Schlüssel zu jedweder Aktivität war das begehrte "Permit".
Ohne eine Permit-Nr. durfte weder bestellt noch geliefert werden.
Abb.
6 zeigt einen solchen Bestellbrief der Mannesmann-Werke in
Düsseldorf mit der erforderlichen Permit-Nr. Der Brief ist übrigens
ein authentischer Beleg für die katastrophale Papierknappheit. Ein
Briefbogen wurde einfach mit Anschrift und Briefmarke versehen,
gefaltet, mit einem Klebestreifen verschlossen und auf den Postweg
gegeben. Briefumschläge gab es nicht. Zu den Verboten und
Beschränkungen machte sich in der Produktion der Materialmangel
stark bemerkbar. Kupfer, Messing, Zinn, Chrom und Nickel waren knapp
und zählten zu den begehrtesten Kompensationsgütern, um überhaupt
beliefert zu werden.
Der
Text der Postkarte der
Abb. 7 der
Vereinigten Stahlwerke in Siegen berichtet von der Lieferung von
125kg Kupfer als Liefervoraussetzung für ein Kühler-Rohrbündel. In
der Geschäftskorrespondenz tauchen immer wieder Berichte von
Notlagen und Engpässen in der Produktion auf. Welche verhängnisvolle
Auswirkung z. B. der Bruch eines funktionswichtigen Maschinenteils
auf den gesamten Betriebsablauf hat, ist jedem Techniker sofort
einsichtig. Aber die mögliche Hilfe wurde oft durch die
schwerfällige Bürokratie verwehrt. Zur Beseitigung von Trümmerresten
einer Autobahnbrücke wird dringend der bestellte Kolbenverdichter
zum Betrieb der Presslufthämmer benötigt. Verkehrswege wie Bahn-,
Wasser- und Straßenverbindungen waren noch nicht wiederhergestellt,
außerdem fehlten noch wichtige Brücken. Transporte führten oft über
abenteuerliche Umwege.
Zeitgleich mit der Bildung der Bizone wurde als
eine der wichtigsten Institutionen die Joint Export-Import Agency,
kurz JEIA genannt, als anglo-amerikanische Wirtschaftsbehörde
gegründet. Sie war zuständig und verantwortlich für alle auf
Dollarbasis abgerechneten Exporte und Importe und unterstand direkt
den beiden Militärgouverneuren. Dieser Handelsweg war die einzige
Möglichkeit, die begehrten Rohstoffe zur Ankurbelung der deutschen
Industrieproduktion im Austausch gegen Kohle, Koks, Eisen, Stahl und
Strom zu beziehen. Der Geschäftsverkehr zwischen den deutschen
Verwaltungen und der alliierten Kontrollbehörde vollzog sich in den
Formen eines gewaltigen Papierkriegs in 15-facher Ausfertigung. Die
Verwendung einer Luftpost- Zulassungsmarke,
die ebenfalls entwertet wurde, war bis Oktober 48 verbindlich.
Abb. 8 zeigt
einen Inland-Luftpostbrief von Hamburg nach West-Berlin.
Im "Revidierten Industrieplan" für die Bizone von
August 47, wurde eine Lockerung der Restriktionen des generellen
Industrieniveaus verfügt. Der wirtschaftspolitische Sinn wurde klar
bei der Betrachtung der erheblichen Exportverpflichtungen, um
wenigstens einen Teil der lebensnotwendigen Nahrungsmittelimporte
bezahlen zu können. Deshalb wurde von General Robertson, dem
Oberbefehlshaber der britischen Zone, die Veranstaltung der ersten
Exportmesse im Westen, im kriegszerstörten Hannover, förmlich
angeordnet mit den Worten: "Vom 18. August bis 9. September hat eine
Exportmesse stattzufinden". Im militärischen Verfügungston hieß es
weiter: "Diese Ausstellung muss ein Erfolg werden". Diese Messe war
als Manifestation des Aufbruchs gedacht. 1300 deutsche Firmen
versammelten sich in Laatzen. Dort standen leer stehende, intakte
Hallen der Vereinigten Leichtmetallwerke, und außerdem gab es
genügend Freigelände.
Das
Wahrzeichen dieser Messe ist bis heute der stilisierte Kopf des
Hermes, dem griechischen Gott des Handels und Gewerbes.
Abb. 9 zeigt
einen Brief der 2. Messe 1948 mit dem Sonderstempel.
Literaturhinweise:
Die zeitgeschichtlich interessanten Informationen
wurden folgenden Publikationen entnommen:
- M. Overesch: Das besetzte Deutschland 1945-47.
Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Weltbild
Verlag.
- W. Benz: Von der Besatzungsherrschaft zur
Bundesrepublik. Stationen einer Staatsgründung. Fischer
Taschenbuch Verlag.
- K. Wagemann: Die Stunde Null - 40 Jahre danach.
Zerstörung, Demontage, Wiederaufstieg und Zukunft der Wirtschaft
am Beispiel der Region Duisburg. Mercator-Verlag
- und nicht zuletzt den Gesprächen und
Diskussionen mit einem Zeitzeugen, meinem Sammlerfreund und
philatelistischen Mentor Hermann Michael aus Duisburg.
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