| Ein polnischer Freiheitskämpfer und
Nationalheld Von Gerhard Simon
Die vergrößerte Europäische Union öffnet den Blick
auf unsere östlichen Nachbarn.
In Polen wird Tadeusz Kosciuszko als
Freiheitskämpfer und Nationalheld verehrt. Kaum eine Stadt hat dort
nicht eine Straße nach ihm benannt. Um die Persönlichkeit von
Tadeusz Kosciuszko würdigen zu können, ist eine Betrachtung seines
historischen Umfeldes, der polnischen Teilungen, erforderlich.
In Russland regierte seit 1762 Zarin Katharina
II., die Große. Sie stammte aus dem Hause Anhalt-Zerbst und wurde im
Alter von 16 Jahren durch Vermittlung Friedrich des Großen auf
Wunsch der Zarin Elisabeth mit ihrem Neffen Peter 1745 verheiratet.
Die Ehe soll nie vollzogen worden sein. Zum Zeitvertreib
beschäftigte sich die Großfürstin Katharina mit Philosophie, Politik
und Staatsführung. Gegenüber den neuen Ideen der Aufklärung war sie
aufgeschlossen.

Einer Affäre mit dem Kammerherrn Sergej Saltykow
entsprang 1754 ein Sohn, der als ehelich anerkannt wurde, der
spätere Zar Paul I. Schon ein Jahr später ließ sie sich mit dem
Polen Stanislaus August Poniatowski ein, gebar 1757 eine Tochter und
machte den Vater 1763 als Stanislaus II. zum polnischen König.
Zar Peter III. war 1762, nach dem Tode der Zarin
Elisabeth, ermordet worden, so konnte Katharina zur Zarin gewählt
werden.
Außenpolitisch war die Zarin außerordentlich
erfolgreich. Durch Siege über die Türkei 1768-1764 und 1787-1793
festigte sie die Vormachtstellung Russlands in Europa. Sie erzwang
Russlands Zugang zum Schwarzen Meer und annektierte die Krim. So
gestärkt, setzte sie im Vertrag vom 5.8.1772 im Einvernehmen mit
Preußen unter Friedrich dem Großen und Österreich unter Maria
Theresia die erste polnische Teilung durch. Russland übernahm die
Gebiete nordöstlich von Düna und Dnjepr, Preußen Westpreußen und das
Ermland, Österreich strich weite Teile Südpolens ein. Polen blieb
aber als Reststaat lebensfähig.
Der polnische Reichstag verabschiedete am 3. Mai
1791 – vier Monate vor den französischen Revolutionären – die erste
schriftliche Verfassung Europas. Um eine Ausbreitung revolutionärer
Gedanken zu verhindern, ließ Katharina die Große 1792 wieder Truppen
in Polen einmarschieren und erzwang die Annullierung der Verfassung.

Russland übernahm durch den Vertrag der zweiten polnischen Teilung
vom 23.1.1793 die Gebiete östlich der Linie Dünaburg – Chocim.
Preußen erhielt weite Teile von Großpolen.
In Polen regte sich Widerstand, der
vom Adel ausging und breite Bevölkerungsteile erfasste, vor allem
gegen den Befehl zur Entwaffnung des Heeres.
Symbolfigur dieser Entwicklung war
Tadeusz Kosciuszko. Er wurde am 12.2.1746 in Mereczowsczyna, heute
Weißrussland, geboren. Als Sohn einer adligen Familie besuchte er
die Militärakademie in Warschau, wo er König Stanislaus II. auffiel,
der ihn zur Weiterbildung in den Fächern militärische und zivile
Architektur sowie Malerei, nach Paris schickte. Nach seiner Rückkehr
wurde er Hauslehrer bei einem General, musste jedoch aus Polen
fliehen, als er versuchte, mit der Tochter des Generals
durchzubrennen.
Kosciuszko ging erst nach Frankreich,
dann nach Nordamerika, wo er am Unabhängigkeitskrieg teilnahm. Er
erwarb sich große Verdienste als Befehlshaber der Ingenieurtruppen.
Er verteidigte erfolgreich Saratoga und Titeratoga gegen die Briten.
Mit George Washington, Bejamin Franklin und Thomas Jefferson war er
befreundet. In Philadelphia wurde Kosciuszko ein Denkmal gesetzt.
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Denkmal für Kosciuszko in
Philadelphia |
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Er schied als Brigadegeneral aus der
Armee aus. Ein weiterer Pole errang im Unabhängigkeitskrieg
Berühmtheit, Kasimierz Pulaski, geboren am 4. März 1746. er führte
polnische Kräfte gegen die russischen Besatzer an, bis er - in
Abwesenheit zum Tode verurteilt - 1777 nach Amerika ging. Dort wurde
er "Vater der amerikanischen Kavallerie". Am 11. Oktober 1779 starb
er an im Kampf erlittenen Verwundungen. In Washington, DC. wurde
auch ihm ein Denkmal gesetzt.
Nach seiner Rückkehr 1784 fand
Kosciuszko wegen seiner Nähe zu einer zum König in Opposition
stehenden Familie keine Anstellung in der Armee und lebte auf seinem
Landgut. Den Bauern erließ er einen Teil der Frondienste. Nach dem
Anbruch einer liberalen Phase in der polnischen Politik bekam er
endlich 1789 einen Posten im Heer.

Als polnischer General verteidigte er
erfolgreich die Bug-Brücke bei Dubienka, nahm aber seinen Abschied,
als König Stanislaus II angesichts einer drohenden Niederlage vom
liberalen Kurs abrückte. Kosciuszko verließ das besetzte Polen und
ging nach Sachsen und weiter nach Paris, um bei den Revolutionären
für die polnische Sache zu werben.
Kosciuszko war dann an Vorbereitungen zu einem Aufstand gegen die
russischen Besatzer beteiligt, den er verschob, als die Verschwörung
aufflog. Er stand dann an der Spitze der nationalen Erhebung von
1794, führte neue Taktiken ein und förderte den Zulauf von
Freiwilligen durch die Verkündung der Aufhebung der Leibeigenschaft.

Am 4. April 1794 besiegte Kosciuszko
den russischen Korps-General Tormasows bei Raclawice im preußisch
besetzten Polen. Diese Schlacht brachte zwar keine Wende zugunsten
Polens, wurde jedoch berühmt.
Kosciuszko, der Sieger von
Raclawice
Preußen griff unter dem König
Friedrich Wilhelm II. in den Krieg ein und besiegte Kosciuszko bei
Rawka und nahm Krakau ein. Nachdem die Preußen Warschau nicht
erobern konnten, bot die Zarin ein großes Heer unter General
Alexander Suworow gegen die Polen auf, das zunächst General
Sierakowski bei Brest-Litowsk schlug und schließlich in der Schlacht
von Maciejowice, südlich von Warschau, Kosciuszko besiegte.

Dabei wurde er am 10. Oktober 1794
vom Pferd geschossen schwer verwundet und gefangen genommen. Die
Russen eroberten am 8. November 1794 Warschau und richteten ein
fürchterliches Blutbad an. 8000 Soldaten und 12000 Zivilisten sollen
getötet worden sein. König Stanislaus II. verzichtete auf den Thron,
erhielt ein Gnadengehalt und durfte in Grodno, später in St.
Petersburg leben, wo er 1798 starb.
Russland, Österreich und Preußen nahmen den Aufstand zum Anlass für
die dritte polnische Teilung gem. der Verträge vom 3.1. und
24.10.1795. Damit war Polen von der europäischen Landkarte für lange
Zeit verschwunden.
Aber die Polen fanden sich mit der
Auflösung ihres Staats keinesfalls ab, wie das kurze Zeit später
entstandene Kampflied "Noch ist Polen nicht verloren" zeigt,
das als Dabrowski-Marsch Polens Nationalhymne wurde.

Am 17. November 1796 war Katharina
die Große verstorben. Nachfolger wurde ihr Sohn Zar Paul I., der
unverzüglich Tadeusz Kosciuszko begnadigte.
Nach seiner Freilassung war
Kosciuszko für ca. zwei Jahre in den Vereinigten Staaten, wo er die
Freundschaft mit Thomas Jefferson vertiefte. Auch hier erwies er
sich als Befreier, der die Sklaven auf seinen Gütern entließ.
Kosciuszko lebte dann als politischer
Flüchtling in Frankreich bei seinem Freund und Botschafter Peter
Josef Zeltner. Napoleon und später Zar Alexander I. bemühten sich um
die Unterstützung Kosciuszkos für die Schaffung von (formal)
unabhängigen polnischen Territorien. Er lehnte jedoch ab, da für ihn
nur ein unabhängiges Polen in seinen alten Grenzen in Frage kam.
Tadeusz Kosciuszko lebte dann bis zu
seinem Tode am 15.10.1817 in Solothurn bei Xaver Zeltner, dem Bruder
seines Freundes Peter Josef Zeltner. Seine sterblichen Überreste
wurden 1818 ins Krakauer Königschloss überführt.
Quelle: Internet und Brockhaus
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