| Gerhard Simon Die
Welfen, Bürgerstolz, Herzogliche Residenz, NS-Gepränge,
Vergangenheitsbewältigung, das Neue
Im Frühjahr 2007 wird das Residenzschloss der
Welfen in Braunschweig als Kultur- und Einkaufsmagnet, die
"Schloss-Arkaden", eröffnet. Die Motivgruppe Deutsche Geschichte
nimmt dieses Ereignis zum Anlass, die Jahreshauptversammlung 2007 in
Braunschweig durchzuführen und hat erfolgreich einen Sonderstempel
vorgeschlagen, der neben dem Bild des Schlosses, die Eröffnung der
"Schloss-Arkaden" und die Tagung der "Motivgruppe Deutsche
Geschichte" im Stempelbild führen wird.
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Die Schloss-Arkaden, ECE |
Aus der Überschrift zu diesem Artikel ist zu
erkennen, welch wechselvollem Schicksal die Residenz der
Braunschweiger Herzöge unterworfen war.
Die Welfen
Um 1129 wurde der bekannteste Welfe, Heinrich der
Löwe, auf der Ravensburg am Bodensee geboren. Sein Vetter, Kaiser
Barbarossa, übergab ihm bedeutende "Investiturrechte" in den
"Slawenbistümern", denen Heinrich der Löwe Vorrecht vor den
Kriegszügen des Kaisers nach Italien einräumte. Im unausweichlichen
Machtkampf unterlag der Welfe und musste sich auf seine Burg in
Braunschweig zurückziehen. Seine Nachkommen konnten das Fürstentum
Braunschweig-Lüneburg nicht halten. Erbteilungen zerstückelten das
Land und bescherten andererseits der Hansestadt Braunschweig eine
reichsstadtähnliche Stellung, die die welfischen Herzöge im 15.
Jahrhundert zwang, ihre Residenz nach Wolfenbüttel zu verlagern.
Herzogliche Residenz
Erst 1671 gelang es den Welfen, Braunschweig zu
erobern. Anfangs nahmen die Herzöge Quartier im "Grauen Hof" der
Zisterzienser in der Innenstadt. Ab 1715 wurde jedoch ein
herzogliches Schloss geplant, an dem bis 1754 gebaut wurde.
Während der französischen Besatzungszeit erhielt
das Gebäude einen Ausbau im Empire-Stil nach den Vorstellungen des
Königs von Westfalen, Jerome, Bruder Napoleons.
Im Jahre 1815 kam Herzog Friedrich Wilhelm im
Kampf gegen Napoleon zu Tode. Der spätere König von England, Georg
IV., Gemahl der Braunschweiger Prinzessin Caroline, übernahm die
Vormundschaft über die unmündigen Söhne Karl und Wilhelm des Herzogs
bis 1822, als Karl 18 Jahre alt geworden war und formal die
Regierungsgeschäfte übernahm, die er jedoch erst ab 1827 ausübte.
Er nahm die gemäßigt liberale Verfassung zurück
und brachte Adel, Militär, Beamtenschaft und die vaterländischen
Schichten gegen sich auf. Er wurde 1830 aus Braunschweig vertrieben.
Das Schloss wurde in Brand gesetzt.
Nach schwierigen Verhandlungen, auch mit dem
Deutschen Bund, der ein Mitspracherecht hatte, wurde Wilhelm als
Herzog 1832 bestätigt.
Am 26. März 1833 erfolgte die Grundsteinlegung für
das neue Residenzschloss, das nach Plänen von Carl Theodor Ottmer
dreiflügelig gebaut und 1841 fertig gestellt wurde.
Braunschweig blieb von den Unruhen 1848 weitgehend
verschont, da sich der Herzog der Zeitströmung fügte und
fortschrittlichen Gesetzen zustimmte. Braunschweig lehnte sich stark
an Preußen an, stimmte 1866 gegen den Antrag Österreichs auf
Bundeskrieg gegen Preußen und unterstellte Truppenteile nach der
Schlacht bei Königgrätz dem preußischen Oberbefehl. Dieser weisen
Entscheidung verdankte Braunschweig seine relative Unabhängigkeit
über 1871 hinaus.
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Ansichtskarte nach einem Aquarell
von 1881 mit den Reiterstandbildern, die Herzog Wilhelm 1874 zum
Gedenken an die in den Freiheitskriegen gefallenen Vorfahren
1874 errichten ließ. |
Als Letzter des "Neuen Hauses Braunschweig"
regelte Herzog Wilhelm 1879 seine Nachfolge mit der Reichsregierung.
So trat nach seinem Tode 1884 der von der Braunschweiger
Landesversammlung allein nominierte Prinz Albrecht von Preußen
(1837-1906) die Regentschaft 1885 an, kümmerte sich jedoch kaum um
seine neue Aufgabe. Er schloss ein Militärbündnis mit Preußen.
Braunschweig gab damit fortan die Ausübung
militärischer Hoheitsrechte zugunsten von Preußen auf. Der Prinz
verstarb 1906. Nachfolger wurde Johann Albrecht von Mecklenburg
(1857-1920), nachdem Versuche, den Herzog von Cumberland aus der
hannoverschen Welfenlinie zu wählen, an Preußen und dem Bundesrat
gescheitert waren. Der neue Regent erwies sich als engagierter
Landesvater, der erkennen ließ, dass er für die Ansprüche der Welfen
auf das Herzogtum Verständnis hatte. Die Aussöhnung zwischen
Hohenzollern und Welfen bewirkte die Heirat des Herzogs von
Cumberland, Prinz Ernst August aus der hannoverschen Welfenlinie mit
der einzigen Tochter Kaiser Wilhelm II., Victoria Luise, am 24. Mai
1913.
Am 1. November 1913 nahm der neue Herzog das
Braunschweiger Schloss in Besitz, nachdem sein Vater auf seine
Ansprüche verzichtet und der Bundesrat die Einsetzung von Prinz
Ernst August als Herzog von Braunschweig-Lüneburg beschlossen hatte.
Der erste Weltkrieg übertrug dem Herzog
militärische Aufgaben. Bestrebungen, die Landessatzung zugunsten
größerer Freiheitsrechte der Bürger zu reformieren, konnte er nur
noch ankündigen.
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Privatganzsache zum Einzug des
Herzogpaares in Braunschweig |
Im ersten Weltkrieg war das Schloss Lazarett.
Feldpost erhielt "Formationsstempel" zur Beglaubigung der
Feldpostberechtigung.

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Feldpostkarte, geschrieben am
4.2.1915 mit dem Formationsstempel: "HERZOGL: RESIDENZSCHLOSS
BRAUNSCHWEIG VEREINS-LAZARETT" |
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Feldpostkarte vom 16.11.15 mit
dem Formationsstempel: "KÖNIGL. PR. RESERVE-LAZARETT
BRAUNSCHWEIG"
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Ansichtskarte. Das Lazarett war
im Schloss untergebracht. Der Verwundete beklagt, dass er 20
Treppen zum Rauchsaal mit Krücken steigen muss. |
Am 8. November 1918 ging die Braunschweiger
Welfendynastie in die Hände eines "Arbeiter- und Soldatenrates"
über, der am nächsten Tag die "Sozialistische Republik Braunschweig"
ausrief.
Bei den anstehenden Wahlen konnten sich die
bürgerlichen Parteien behaupten. Der "Freistaat Braunschweig"
entstand. Im Schloss wurden das "Kleine Haus", ein Ableger des
Staatstheaters, Räume des Naturhistorischen Museums, der
öffentlichen Bücherei und der Landessteuerstelle untergebracht.
NS-Gepränge
Bei der Landtagswahl am 14. September 1930 errang
die NSDAP 9 von 40 Sitzen. Gemeinsam mit den 11 Stimmen der
Bürgerlichen Einheitsliste wählte der Landtag den
Nationalsozialisten der ersten Stunde Ernst Zörner gegen 17 Stimmen
der SPD zum Landtagspräsidenten, drei Stimmzettel waren ungültig.
Damit war gegen die übliche Regelung verstoßen worden, dass die
stärkste Fraktion den Landtagspräsidenten stellt.
Am 11. Oktober 1931 hatten die nationalistischen
Kräfte auf Initiative des Industriellen Alfred Hugenberg die "Harzburger
Front" gebildet.
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Ein anschließender
Massenaufmarsch der NSDAP am 18. Oktober 1931 mit über 100 000
SA- und SS-Männern vor dem Schloss dokumentierte den
Führungsanspruch Hitlers. |
Zörner meldete Adolf Hitler als seinen Untermieter
in Braunschweig an. Auf diesem Wege wurde Hitler Deutscher und
konnte sich als Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl am 13.3.1932
bewerben. Das Land Braunschweig ging 1934 im Gau
Südhannover-Braunschweig" auf. Im Jahre 1935 wurde im Schloss eine
Ausbildungsstätte als so genannte SS-Führerschule eingerichtet. Der
Schlossplatz wurde in "Platz der SS" umbenannt.
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Das Schloss als SS-Führerschule,
Ansichtskarte |
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In den beiden letzten
Kriegsjahren erlitt das Schloss schwere Bombentreffer |
Vergangenheitsbewältigung
Die Bombenschäden aus dem 2. Weltkrieg waren zwar
schwer, die erhaltene Grundsubstanz rechtfertigte jedoch einen
Wiederaufbau. Das 1946 entstandene Land Niedersachsen übereignete
die Schlossruine der Stadt Braunschweig mit der Auflage, sie binnen
5 Jahren abzureißen oder zu sanieren. Das verfügbare Geld reichte
jedoch nur für dringliche Sicherungsmaßnahmen. Die Frist von 5
Jahren verstrich ohne erkennbare Aktivität. Dann beschloss der Rat
im Dezember 1959 mit der Zweistimmen-Mehrheit der SPD den Abbruch
der Ruine.
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Die noch verwertbaren Teile
wurden dezentral eingelagert, die beschädigten und von
Altmetallsammlern lädierten Reiterstandbilder von 1874 der
Herzöge Karl Wilhelm Ferdinand, 1806 gefallen im Kampf gegen
Napoleon, und Friedrich Wilhelm, 1815 gefallen im Kampf gegen
Napoleon, wurden restauriert und an unauffälliger Stelle im
Stadtgebiet aufgestellt. |
Das Thema "Schlossabriss" bewegte die Bürger
Braunschweigs vehement in den letzten Jahrzehnten.
Das Neue
Die Kommunalwahl 2002 erbrachte dem Rat der Stadt
Braunschweig eine Mehrheit für CDU und FDP von einer Stimme. Mit
dieser knappen Mehrheit beschloss der Rat 2004 die Errichtung eines
Einkaufszentrums auf dem Gelände des Schlossparks, die
"Schloss-Arkaden", die die Rekonstruktion des ehemaligen Schlosses
in seinen authentischen Ausmaßen beinhaltete. Gleichzeitig wird das
Umfeld des neuen/alten Baukörpers gegenüber der vernachlässigten
City-Randlage des Schlossparks aufgewertet. Der Schlossteil wird
kulturelle Einrichtungen der Stadt, wie Archiv, Bücherei,
Kulturinstitut, die zurzeit dezentral untergebracht sind, sowie ein
Schlossmuseum aufnehmen. Der Innenausbau des Schlosses wird den
neuen Nutzungsanforderungen angepasst.
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Wie für die Frauenkirche in
Dresden werden Originalfiguren, hier vom ehemaligen Portikus,
wieder eingesetzt |
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Am 25. August 2006 fiel die
Verkleidung des Portikus mit einer Lichtschau, ECE |
Dieses Bauvorhaben rundet das historische
Stadtbild Braunschweigs ab.
Quellen:
Internetseite Braunschweig, "Die Geschichte des Braunschweiger
Schlosses",
Braunschweigische Landesgeschichte im Überblick, 1976,
Das ehemalige Residenzschloss zu Braunschweig, Bernd Wedemeyer 1993,
MERIAN extra Braunschweig, 2006,
Archiv Zinecker
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