| Von Dieter Heinrich
Erstveröffentlichung in DIE BRIEFMARKE (Wien) Nr. 1
und 2/2008
Als nach der "kaiserlosen, der schrecklichen Zeit"
Rudolf von Habsburg zum König gewählt wird, läßt er nach der Krönung
in Aachen 1273 (die Schiller in der Ballade "Der Graf von Habsburg"
so lebendig beschreibt) die Reichskleinodien auf seine Feste Kyburg
bei Winterthur bringen.
1291/92 befinden sie sich in Stein am Rhein, um
dann wieder auf den Trifels zurückzukehren.
Unter Ludwig dem Bayern blieb der Schatz für drei
Jahrzehnte in der Münchner Burg.

Nach seinem Tod wurden die Kleinodien am 10. März
1350 in München an eine Gesandtschaft Karls IV. übergeben. In dem
dazu angefertigten Bestandsverzeichnis wird erstmals das Zepter
erwähnt; ein relativ einfach gearbeiteter Herrscherstab aus
vergoldetem Silber mit sechs stilisierten Eichenblättern, die eine
Eichel umschließen. Historisch nicht ganz korrekt, schmückt das
Zepter - zusammen mit dem Reichsapfel - den Bonner Ersttagsstempel
zur Sondermarke für Kaiser Friedrich II.

Stams in Tirol und Karlstein bei Prag
Karl IV., ein leidenschaftlicher Reliquiensammler,
ließ den Reichsschatz nach seiner Residenz Prag bringen, wo er in
der Sakristei des Veitsdomes aufbewahrt wurde. Wegen der noch
andauernden Bauarbeiten am Dom waren Teil des Schatzes zeitweilig
der Obhut der Mönche des Klosters Stams in Tirol anvertraut.
Doch Karl hatte noch andere Pläne.
In einem einsamen Tal westlich von Prag ließ er
die Burg Karlstein erbauen. In deren prunkvoller, über und über mit
Edelsteinen geschmückten Kapelle sollten ab 1365 oberhalb des Altars
hinter einem goldenen Gitter die Reichskleinodien ihren ständigen
Platz finden. Zugleich organisierte Karl IV. aber auch in Prag für
den Reichsschatz regelmäßige "Heiltumsweisungen", wie sie seit dem
Mittelalter für wertvolle Reliquien üblich waren. Dafür stiftete
Papst Bonifaz IX. 1398 sogar einen besonderen Ablaß.

Während der Hussitenkriege war auch
der Karlstein nicht mehr sicher. König Sigismund befahl deshalb
1421, die Reichskleinodien in das von ihm in Personalunion regierte
Ungarn in Sicherheit zu bringen.
Ziel war die Burg Visegrad am
Donauknie; dort ruhte die deutsche Reichskrone für drei Jahre in der
Kronkammer neben der ungarischen Stephanskrone. Gedrängt, die
Insignien wieder nach Deutschland bringen zu lassen, stattete
Sigismund am 29. September 1423 die Reichsstadt Nürnberg

mit dem Privileg aus, unser und des
heiligen reichs heiltum … ewiclich, unwiderruflich aufzubewahren und
alljährlich öffentlich zu zeigen. Unter großer Geheimhaltung treten
die Schatzkisten am 8. März 1424 per Schiff die Heimreise an. Auf
einem Fuhrwerk unter einer Ladung Donaufische getarnt, geht der
Transport ab Regensburg weiter nach Nürnberg. Erst beim dortigen
Eintreffen am 22. März wurde das Geheimnis gelüftet und die
Reichskleinodien unter großer Anteilnahme der Bürger feierlich
eingeholt. Wilhelm Raabe

hat diese Ereignisse in der Novelle
"Des Reiches Krone" anschaulich geschildert.
Von nun an wurden die Kleinodien in
der dem Rat unterstehenden Heiliggeistkirche aufbewahrt und von den
Nürnbergern nur noch zu Königs- und Kaiserkrönungen herausgegeben;
besondere Krongesandtschaften brachten sie zum Krönungsort und
sorgten für die vollzählige Rückführung. Fast alle Kaiser, Könige
und Kurfürsten kamen in der Folgezeit nach Nürnberg, um sich die
Insignien anzusehen. Albrecht Dürer

machte hier seine Studien für das
Bildnis Karls des Großen, den er mit der Reichskrone auf dem Haupt
malte (einen Ausschnitt daraus zeigt die jemenitische Gemäldemarke).

Für die jährlichen Heiltumsweisungen
(immer am zweiten Freitag nach Ostern), an die sich eine Warenmesse
mit Volksfest anschloß, wurde ein besonderes Gerüst konstruiert und
aufgebaut. Diese Weisungen fanden mit der Reformation ihr Ende; die
letzte gab es 1523. Ein "Heiltumsstuhl" blieb erhalten und steht
heute im Germanischen Nationalmuseum.

In der Folgezeit blieb es ruhig um
die Reichskleinodien, die nur noch bei den Krönungen (seit 1562
meist in Frankfurt am Main)
für Aufsehen sorgten. Kaiser Matthias
ergänzte die Sammlung 1613 um den Wappenrock des Reichsherolds. Der
aus Goldstoff und schwarzer Seide gefertigte Heroldsrock mit dem
gestickten Reichsadler wurde wahrscheinlich in Prag hergestellt.
Übersiedlung nach Wien
"Auf Reisen" gingen die Kleinodien
erst wieder, als die französischen Revolutionsarmeen in das Reich
einfielen. Aus Furcht vor einem Raub durch auf Nürnberg vorrückende
Truppen verbringt man den Kronschatz 1796 nach Regensburg, dem Sitz
des Immerwährenden Reichstages.
Eine geplante Verschiffung nach Wien
endet in Passau; die Sicherheitslage erlaubt die Rückführung nach
Regensburg. Dort bleiben sie bis 1800 im Palais Thurn und Taxis, um
dann auf Anordnung von Kaiser Franz II. endgültig nach Wien zu
gelangen. Ein Jahr später kommen auch die Aachener Stücke der
Reichsinsignien, die schon 1794 vor dem Zugriff der Franzosen nach
Paderborn geflüchtet worden waren, in Wien an. Erstmalig lagerten
alle kaiserlichen Insignien gemeinsam in der Wiener Schatzkammer.
Im österreichisch-französischen Krieg
wird der Kronschatz des inzwischen aufgelösten Heiligen Römischen
Reiches 1809/10 noch einmal nach Ungarn ausgelagert. Die Flucht geht
diesmal nach Temesvar, dem heute rumänischen Timisoara. Die dritte
"Ungarnreise" folgt schließlich 1866. Als Bismarck den Krieg
Preußens gegen Österreich vom Zaune bricht, werden die
Reichskleinodien vorsorglich auf einem Schleppschiff der
Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft nach Ofen (Buda) in Sicherheit
gebracht.
Bedenken gegen "Kleinen Brustschild"
Einen zumindest symbolischen Griff
nach der alten Reichskrone tat dann das unter Ausschluß Österreichs
gebildete wilhelminische Kaiserreich mit dem "Allerhöchsten Erlaß"
vom 3. August 1871, wonach diese Krone zusammen mit dem
Hohenzollernschild im kaiserlichen Wappen dargestellt werden sollte
- philatelistisch belegbar im Prägedruck der Freimarkenserie
"Kleiner Brustschild".

Nach aus Wien geäußerten Bedenken kam
es jedoch bald zu einer Neufassung des Wappens und damit auch zu
einer neuen Briefmarkenzeichnung mit dem "Großen Brustschild" und
einer fiktiven bebänderten Krone.
Zwischenstopp in Nürnberg
Einmal noch müssen die
Reichskleinodien die alte Kaiserstadt Wien verlassen. Nach der
Annexion Österreichs werden sie am 29. August 1938 in einer
theatralischen Aktion per Sonderzug in die "Stadt der
Reichsparteitage" Nürnberg überführt. Zu der geplanten
Dauerausstellung auf dem Parteitagsgelände kommt es durch den
Kriegsausbruch nicht mehr. Der Schatz wird zunächst in einem
Banktresor und später in einem ausgebauten Felsenkeller unter der
Kaiserburg verborgen. Nach Kriegsende wurden die von den Amerikanern
sichergestellten Kunstgegenstände auf Beschluß des Alliierten
Kontrollrates an Österreich zurückgegeben. Am 3. Januar 1946 nahm
sie Bundespräsident Renner auf einer offiziellen Feier in Empfang.
Nach mehrjähriger Zwischenlagerung im
Tresorraum der Postsparkasse fanden die Reichskleinodien 1954 in der
neu gestalteten Schatzkammer der Wiener Hofburg wieder ihren
würdigen und - so darf man hoffen - endgültigen Platz.

Einst "des Reiches Glanz", sind uns
die Reichskleinodien nach ihrem tausendjährigen Weg heute ein
Kleinod ganz besonderer Art: ein Stück gegenständlich gewordene
Geschichte.
Literatur:
-
Ernst Kubin, Die Reichskleinodien.
Almathea-Verlag, Wien - München 1991
-
Heinrich Pleticha, Des Reiches
Glanz. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1989
-
Krönungen - Könige in Aachen,
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2000
Erstveröffentlichung in DIE
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